Nachhaltige Energiewirtschaft? Brenn- und Kohlholznutzung in Schleswig-Holstein in Mittelalter und früher Neuzeit

Dissertation von Arne Paysen, Math.-Naturwiss. Fakultät der CAU, 2009

Zusammenfassung
Der Wald diente bis ins 19. Jahrhundert hinein nicht nur als Holzlieferant, sondern auch als Vieh- und Schweineweide. Außerdem wurden vom Mittelalter bis zur industriellen Revolution allein die Wälder zur Energieversorgung der frühen Industrieanlagen genutzt. Der durch ethnographische, historische und experimentelle Untersuchungen zu rekonstruierende Holzbedarf muss so zu einer massiven Umformung des natürlichen Baumbestandes geführt haben. Durch archäologische Untersuchungen an Meilerstellen, Eisenverhüttungsanlagen und Glashütten des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit konnten Holzkohlen aus den Befunden geborgen werden, die Aufschluss über Artenzusammensetzung, Holzdurchmesser und Nutzungsform des genutzten Waldes geben. Durch die gleichzeitige Einbeziehung der schriftlichen Überlieferung bezüglich der frühen Industrieanlagen in Schleswig-Holstein wird es möglich, die verschiedenen Waldnutzungsstrategien zu beschreiben.

Für die oft im bäuerlichen Nebengewerbe durchgeführte Köhlerei ist in vielen Waldgebieten eine Hainbuchen dominierte Niederwaldwirtschaft nachzuweisen, auch feuchte Waldgebiete mit im Umtrieb bewirtschafteten Erlen- und Birkenbeständen wurden genutzt. Die Buche hingegen wurde selten im Umtrieb bewirtschaftet. Eine merkliche Waldauflichtung, wie sie durch das vermehrte Auftreten von Lichtgehölzen nachweisbar wäre, fand augenscheinlich in den meisten Fällen nicht statt. Nachhaltig bewirtschaftete Mittel- und Niederwälder bilden den Schwerpunkt der bäuerlichen Waldwirtschaft. In nur einem Fall lässt sich belegen, dass Kohlholzproduktion und die den Baumnachwuchs hemmende Viehweide in ein und demselben Gebiet durchgeführt wurden.

Anders sieht es hingegen in den Waldgebieten aus, die unter landesherrschaftlich initiierter industrieller Nutzung standen. Die archäologischen Untersuchungen der hoch- und spätmittelalterlichen Glashütten belegen, dass ausschließlich Buchenholz von Altbeständen zur Glasherstellung genutzt wurde; die schriftliche Überlieferung bestätigt dieses Ergebnis. Bei dem für die Glashütten anzunehmenden Holzbedarf schließt sich eine nachhaltige Nutzung der Waldbestände aus, ab dem 17. Jahrhundert war meist eine Komplettrodung des genutzten Waldes die Folge. Bei den hochmittelalterlichen Eisenverhüttungsanlagen im Kluesries ist aufgrund der bislang untersuchten Proben ebenfalls eine nicht nachhaltige Nutzung anzunehmen. Die ermittelten Holzkohlespektren deuten auf einen langsam gewachsenen, verbuschten Pappel- und Weidenbestand hin, der nicht im Umtrieb bewirtschaftet wurde.

Die Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen widersprechen insofern der schriftlichen Überlieferung, als dass in der historischen Forschung meist von einem waldschädigendem Verhalten der Bauern ausgegangen wurde, während sich die Landesherrschaft für den Schutz der Wälder einsetzte.