Der Einfluss mausernder Gänse auf den Schilfrückgang

Eine augenfällige Schädigung der aufwachsenden Schilfsprosse findet seit einigen Jahren in Schleswig-Holstein durch den Fraß mausernder Graugänse statt. Wenn die Halme ab Mitte Mai über der Wasseroberfläche erscheinen, dienen sie den für etwa 4 Wochen flugunfähigen Gänsen an vielen Gewässern als Nahrung. Nachdem die Schilfbestände abgefressen wurden, wachsen sie in den meisten Fällen wieder nach, so dass sich nicht einfach klären lässt, inwieweit der Gänsefraß tatsächlich zum Rückgang des Schilfes beiträgt. Zudem ist klar, dass der Gänsefraß nicht der Auslöser des Schilfrückganges sein kann, da die Mauserbestände an allen Ostholsteinischen Seen erst nach 1990 aufgetreten sind. Sechs der genauer untersuchten Seen hatten zu diesem Zeitpunkt aber schon 44-86 % ihrer Schilffläche gegenüber 1953 verloren.
 

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Abb. 1: Durch das Fehlen der Schwungfedern kann man bei mausernden Gänsen den weißen Bürzel auch auf größere Entfernung erkennen.   Abb. 2: Von Graugänsen Ende Juni 2007 abgefressener Schilfbestand in Bosau, am Großer Plöner See.

 

Von den Gänsen werden Mitte Mai die jungen Schilftriebe abgefressen, die gerade über der Wasseroberfläche erscheinen. Junge Pflanzenteile haben meist hohe Eiweißgehalte und einen geringen Anteil von unverdaulichem Gewebe. Überraschend war dagegen die Beobachtung, dass auch noch Ende Juni Schilfhalme gefressen werden, die dann bereits über einem Meter hoch sind. Die Halme werden zunächst über der Wasseroberfläche umgeknickt und die Blätter anschließend vollständig abgefressen.

Experimentelles entfernen von Schilfhalmen wurde drei Jahre hintereinander durchgeführt, um zu klären, wodurch die Regeneration des Schilfes auf ein Fraßereignis beeinflusst wird. An 10 eingezäunten Schilfbeständen am Kleinen Plöner See und am Großen Eutiner See wurde untersucht, ob der Zeitpunkt der Schädigung, die Lage der Fraßstelle über oder unter Wasser sowie die Größe der abgefressenen Bereiche den Schaden am Schilf beeinflusst.
 

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Abb. 3: Versuchsfläche am Kleinen Plöner See.   Abb. 4: Fraßschaden am Großen Eutiner See 2008.

 

Ein Schilfrückgang kann durch einen Rückgang der Schilffront oder eine Abnahme der Halmzahl beschrieben werden. Die Abnahme der Halmzahl pro m² in den wasserseitigen Schilfbereichen zeigte nach 3 Jahren zum ersten Mal das zurückgehende Regenerationsvermögens in einigen Versuchsvarianten. Besonders wenige Halme wuchsen im dritten Jahr auf den mit der Schere abgeernteten Schilfbereichen nach, wenn die Halme Mitte Juni statt Mitte Mai abgeerntet wurden, die Schnittstellen etwa 5 cm unter statt über Wasser lagen und 50 % statt 25 % der Bestandsbreite abgeerntet wurden. Auch wenn nach dem dritten Jahr der Schädigung in einigen der Versuchsvarianten kaum ein Halm nach dem Schaden nachgewachsen war, war das Ergebnis statistisch nicht signifikant. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Schilfstandorten waren immer noch größer als der Einfluss der Beweidung.

Parallel zu den Experimenten wurden am Ende der Mauserzeit aber auch Kartierungen der Fraßschäden am Schilf vom Boot aus durchgeführt. Am Großen Eutiner See wurden 2006, 2007 und 2008 die Fraßbreite und die Anzahl der entfernten Halme in drei Klassen geschätzt, sowie die Schilffront im Herbst 2006 und 2008 mit dem GPS vermessen. An den etwa 160 betrachteten Uferabschnitten bestand eine Korrelation zwischen Gänsefraß und dem Schilfrückgang.

Betrachtet man die Daten genauer, werden zwei wichtige Befunde deutlich. Es konnte eine Schadensschwelle gefunden werden, bis zu der Graugansfraß einen eher geringen Einfluss auf den Schilfrückgang hat. Bei einem jährlichen Fraßverlust von 1-19 % des im Wasser stehenden Schilfbestandes wurde ein Rückgang der Schilffläche von 9 % festgestellt. Bei Fraß von 20-39 % der Bestandsbreite steigt der Rückgang sprunghaft auf 33 % an. Der zweite wichtige Befund betrifft den Umstand, dass wir wahrscheinlich auch ohne Graugansfraß etwa 6 % Schilfrückgang gehabt hätten. Auch bei sehr geringem Fraß, der weniger als 3 % der Schilffläche betraf, trat Schilfrückgang von 7 % auf. Der Umstand, dass weitere Faktoren am Schilfrückgang beteiligt sind, wird auch durch die hohen Schwankungen der Rückgangswerte bei gleicher Fraßintensität deutlich.
 

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Abb. 5: An diesem Standort am Großen Eutiner See beeinträchtigen die Beschattung und das Auftreten von Fadenalgen die Schilfbestände, so dass auch bei einem Ausschluss von Fraß keine Ausbreitung der Schilfbestände beobachtet wurde.    

 

Versucht man nun zu prüfen, ob der Wasservogelfraß an anderen Seen des Untersuchungsgebiets einen ähnlich großen Einfluss auf den Schilfrückgang hat, zeigt sich, das dass Schilf am Trammer See deutlich weniger empfindlich auf den Fraß regiert (Tab. 1).

Tab. 1: Entwicklung der Schilfflächen und durchschnittliche jährliche Anzahl mausernder Gänse

 

Schilffläche in ha

Schilfentwicklung 1991-2006 in %

Ø jährl. Anzahl mausernder Gänse von 1991 bis 2006

 

1953

1991

2006

 

 

Großer Plöner See 90,1 12,1 2,0 -83 2436
Kleiner Plöner See 15,5 5,5 2,7 -51 238
Dieksee 19,9 3,7 3,8 2 4
Großer Eutiner See 12,0 6,7 3,7 -45 48
Kellersee 22,8 7,6 8,2 8 2
Trammer See 8,5 2,4 2,3 -5 192


 

Seit 1991 mausern hier jährlich fast 200 Gänse, deren Fraß sich auf 2,4 ha Schilf konzentriert, ohne das nach 16 Jahren nennenswerte Schilfverluste aufgetreten wären. Als Ursache für die Unterschiede zwischen der empfindlichen Reaktion des Schilfes auf Fraß am Großen Eutiner See und dem robusten Schilf am Trammer See wird die unterschiedliche Nährstoffversorgung der Seen angenommen. Untersuchungen aus Tschechien und Dänemark haben ergeben, dass hohe Ammoniumwerte im Sediment die Bildung von Stärkereserven in den Rhizomen beeinträchtigen (Tylova et al. 2008). Im sehr nährstoffreichen Große Eutiner See verfügt das Schilf wahrscheinlich über weniger Reserven um einen Fraß kompensieren zu können als am deutlich nährstoffärmeren Trammer See. Die Unterschiede beim Schilfrückgang bei den untersuchten Seen zeigen, dass nicht aus der Zahl der mausernden Gänse oder der Größe des Fraßschadens direkt auf eine Schilfgefährdung geschlossen werden kann. Außerdem zeigen sich tatsächliche Rückgänge des Schilfbestandes meist erst nach mehreren Jahren.

Tylova, E., L. Steinbachova, O. Votrubova, B. Lorenzen & H. Brix (2008): Different sensitivity of Phragmites australis and Glyceria maxima to high availability of ammonium-N. Aquatic Botany (88): 93-98.