Offene Fragen

Trotz der wissenschaftlichen Untersuchungen bleiben viele Fragen bezüglich der Erdwerke Babeldaobs offen. Zum einen bedingt die Unzugänglichkeit des Inlandes von Babeldaob, dass die Verbreitungskarten der Erdwerke unvollständig sind (vgl. Ito 1998; Osboure 1966, 1979). Die vorhandenen Karten erwecken den Eindruck, dass Erdwerke nur entlang der Küsten und entlang des Verlaufes der Überlandstraße vorkommen. Dies steht im Widerspruch zu lokalen Informanten, die davon berichten, dass auch im Inland der Insel terrassierte Hügel vorkommen und bis zu 70 % von Babeldaob anthropogen überformt ist (pers. Komm. Kautechang Vince Blaiyok).

Die Verbreitung der Anlagen und ihre topographische Lage hat Implikationen für die Bautechnik. Wurden bestehende Hügel teilweise abgetragen, oder wurde Material aufgeschüttet bzw. handelt es sich um eine Kombination aus Abtragung und Aufschüttung? Woher stammt mögliches aufgetragenes Material bzw. wo verblieb abgetragenes Material? Lässt sich der Übergang von natürlichen und anthropogenen Reliefelementen erkennen? Lässt sich eine Bodenbildung innerhalb der Stratigraphien der Erdwerke nachweisen? Wie stark hat die jahrhundertelange Erosion das Relief der Erdwerke verändert? All diese Fragen basieren auf dem Zusammenspiel der natürlichen Umweltbedingungen und der Dimension der menschlichen Einflussnahme. Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist, wie viele Menschen in den Bau und den Erhalt der Anlagen involviert waren. Heute ist Babeldaob nur sehr dünn und hauptsächlich im unmittelbaren Küstenbereich besiedelt. Die Vielzahl, Verteilung und die Dimensionen der Erdwerke legen hingegen nahe, dass ehemals eine große Anzahl Menschen auf Babeldaob lebte, von der ein Großteil in den Bau den Anlagen involviert war.

Auch die Nutzung der Anlagen ist umstritten. Zur Debatte stehen die Nutzung der Terrassen als Siedlungsplätze, als Festungsanlagen, zu rituellen oder Repräsentationszwecken oder die landwirtschaftliche Nutzung. Die Interpretation, dass es sich bei den Terrassen um Siedlungsplätze gehandelt hat, fußt vor allem auf den zahlreichen Funden von Oberflächenkeramik (c.f. Lucking 1981). Wälle und Gräben an und um die Anlagen werden als Befestigungen interpretiert. Auch wird diskutiert, dass die erhöhte Position der Kronen als Beobachtungsposten genutzt wurde (Kaschko 1998; Liston & Tuggle 2006; Osborne 1966).

Innerhalb einiger Erdwerke wurden Bestattungen gefunden. Dies und die wenigen oralen Traditionen, die besagen, dass die Terrassen den Göttern als Stufen zwischen den göttlichen und den menschlichen Sphären dienen (Jolie & Miko 2011: 188) deuten auf eine rituelle Funktion hin. Die Monumentalität der Anlagen und die damit verbundene Zurschaustellung der Arbeitsintensität wird als ein Zeichen für eine repräsentative/politische Funktion gedeutet (Liston 1999; Liston & Tuggle 1998; Wickler 2002). Zum Nachweis von landwirtschaftlicher Nutzung der Terrassen wurden in begrenztem Maße Phytholithenuntersuchungen durchgeführt. Die geringe Anzahl an Phytholithen, ließen jedoch eine eindeutige Nutzung nicht folgern (vgl. Scott Cummings 1996; Lucking 1984).

Aufgrund der zahlreichen Rettungsgrabungen im Rahmen des Baus der Überlandstraße und einiger archäologischer Forschungsprojekte existieren eine ganze Reihe von Radiokarbondatierungen der Erdwerke. Anhand dieser konnte verschiedene Erdwerkphasen definiert werden (s.o., vgl. Liston 2009). Bisher fehlt allerdings der Nachweis, ob es sich bei den Erdwerke um einphasige oder mehrphasige Bauwerke handelt; sowohl in der vertikalen als auch in der lateralen Ausdehnung.

Für zwei der größten und imposantesten Terrassensysteme (Aimeliik und Ngeremlengui) lagen vor unseren Untersuchungen noch keine Datierungen vor. Insofern ist weder der Zeitpunkt der Erbauung der größten Anlagen noch ihre diachrone Entwicklung oder Aufgabe geklärt. Auch besteht die Möglichkeit, dass kleinere Terrassensysteme zugunsten der großen Zentren aufgegeben wurden.

 

Einleitung
Besondere Herausforderungen des Insel-Ökosystems
Der Faktor Mensch
Die monumentalen Erdwerke Babeldaobs
Der erste Kontakt mit Europäern
Kurze Geschichte und Forschungsstand
Offene Fragen
Geoarchäologische und archäologische Untersuchungen
Einbindung der lokalen Bevölkerung
Projektdaten